Normalerweise ist das hier mein Ort für die schönen, chaotischen Dinge: Berichte über Welpenfutter, die Fortschritte meiner Hunde oder den ganz normalen Wahnsinn mit drei Kindern. Mein Alltag ist laut, haarig und meistens sehr lebendig. Doch heute ist einer dieser Tage, an denen die Vergangenheit an der Tür klopft – oder besser gesagt: am Telefon klingelt. Und plötzlich geht es nicht mehr um die sanfte Erziehung eines Welpen, sondern um die harte Abgrenzung einer erwachsenen Frau.
Es war die Einrichtung am Apparat, in der das ehemalige Pflegekind meiner Eltern jetzt lebt. Acht Jahre lang war er ein fester Teil unserer Familie, und ich war die „große Pflegeschwester“. Doch was von außen wie eine lebenslange Bindung aussieht, ist heute eine schmerzhafte Last. Wenn die Einrichtung nun an mich als „Bezugsperson“ appelliert, ignorieren sie die Trümmer, die diese Jahre hinterlassen haben. Sie sehen die Akte, aber ich sehe die Wunden: Meine Mutter, seine Pflegemama, ist im März 2024 verstorben – ein Verlust, der in mir immer noch nachhallt. Und mein Vater, sein Pflegepapa, wurde von ihm mit dem Tod bedroht.
Was in der Einrichtung niemand weiß: Ich bin staatlich anerkannte Erzieherin mit sonderpädagogischer Ausbildung. Ich sitze am Telefon und höre zu, wie mir die Situation erklärt wird, während ich innerlich jede fachliche Entscheidung der Betreuer analysiere. Ich verstehe seine Diagnose und weiß, dass sein Verhalten oft krankheitsbedingt ist. Aber mein Wissen ist hier kein Werkzeug für meinen Job, sondern ein Fluch: Ich sehe genau, wo die pädagogische Arbeit versagt – aber es ist nicht mehr meine Aufgabe, sie zu korrigieren. In meiner Freizeit bin ich kein Profi, sondern eine Mutter, die ihre eigene Kraft für ihre drei Kinder und ihre Hunde managen muss.
Das heutige Telefonat war dabei die Krönung an Absurdität. Voller Stolz erzählte er mir von seinen Weihnachtsgeschenken: Handschellen, ein Polizeikostüm und eine Wirbelsturm-Lampe. Acht Jahre lang haben meine Eltern und ich mühsam daran gearbeitet, genau diese Fixierungen zu durchbrechen. Wir haben versucht, die Themen Gewalt, Macht und Zerstörung aus seinem Fokus zu nehmen. Und nun schenken ihm die Profis vor Ort genau das „Benzin“, das seine inneren Feuer wieder anheizt. Er marschiert jetzt im Kostüm durch die Flure und eckt an – ein klassisches pädagogisches Eigentor, und ich muss am Telefon so tun, als wäre ich nur die „nette Verwandte“, die davon nichts versteht.
Es klingt für Außenstehende wie eine Lappalie: Einmal die Woche 15 Minuten telefonieren. Doch für mich ist es eine emotionale Schwerstarbeit. Es ist die Anspannung vor dem Klingeln und das Gedankenkarussell danach. Ich habe nun die Reißleine gezogen und die Anrufe auf einen Zwei-Wochen-Rhythmus reduziert. Ich brauche diesen Raum zum Atmen.
Während ich das hier schreibe, sitze ich draußen an der frischen Luft. Ich bin warm eingepackt, in meinen Händen ein Becher mit warmem Tee, und ich atme einfach nur tief durch. Zu meinen Füßen liegen die Welpen und schlafen entspannt. Den Hunden ist es egal, welche Diagnose jemand hat oder welche Rolle ich früher einmal gespielt habe. Sie fordern mich im Hier und Jetzt: Sie wollen Futter, Aufmerksamkeit und jemanden, der sie sicher durch die Welt führt. Diese ehrliche, ungefilterte Welt der Tiere ist mein Anker. Hier gibt es keine Handschellen, keine Morddrohungen und keine fachlichen Fehlentscheidungen. Hier gibt es nur den Moment und das Vertrauen.
Erwachsenwerden heißt für mich heute zu akzeptieren, dass ich nicht die „Bauleiterin“ für jede emotionale Baustelle der Welt sein kann. Mein Platz ist genau hier, bei meinen Kindern und meinen Hunden. Und dieser Platz ist heilig.


Schreibe einen Kommentar