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15.06.2026 Wenn die Klinik zum vertrauten Ort wird

Heute ging es mit der Prinzessin zur stationären Aufnahme in die Uniklinik. Ein Tag, den man am liebsten einfach aus dem Kalender streichen würde. Schon wenn sich die automatischen Schiebetüren öffnen und einem dieser unverkennbare Geruch nach Desinfektionsmittel und kaltem Linoleumboden entgegenschlägt, ist alles wieder da. Es ist jedes Mal wieder ein so unfassbar seltsames Gefühl, wenn ich diese unendlich langen, grell beleuchteten Flure entlanggehe. Ein Zustand irgendwo zwischen dem dicken, schmerzhaften Kloß im Hals und einer fast schon unheimlichen Vertrautheit im Herzen. Es fühlt sich an, als würde ich neben früheren Versionen meiner selbst herlaufen. Viel zu viele Stunden meines Lebens habe ich an diesem Ort verbracht. Hier an diesem Ort habe ich mein Kind bekommen, in einem Moment puren Lebens. Und hier habe ich Stunden um Stunden, eingehüllt in stumme Verzweiflung, am Bett meiner Mutter gesessen. Bei jeder OP war ich dabei – im Aufwachraum, auf Station, wartend, bangend, irgendwo dazwischen in den weiten, kalten Gängen, in denen man sich so schnell verloren fühlt. Hier wurden meinem Kleinen die Mandeln entfernt, und auch da saß ich wieder im Aufwachraum, wachend an seinem Bett. Hier habe ich meine Brüste verloren. Ein Schritt, den ich nie wieder wiederholen würde, wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte. Ein Teil von mir ist für immer in diesen Räumen geblieben, unsichtbar in die Wände geschrieben. Und plötzlich sind sie wieder da. All die Erinnerungen, die ich so tief in mich hineingeschoben hatte und von denen ich wirklich dachte, ich hätte sie längst vergessen oder verarbeitet. Sie holen mich auf jedem einzelnen Meter ein. Da drüben die Menschen in der Hautklinik, dort die Patienten in der Anästhesie, die Dame auf dem Flur des Brustzentrums, die Mami mit ihrem winzigen Neugeborenen… Und dann die Menschen, die vor dem Aufwachraum sitzen. Stumm, die Hände fest ineinander verkrampft, den Blick starr auf die Uhr gerichtet. Ich sehe, wie sie hoffen, dass die Zeit endlich vergeht und sich die Tür öffnet, um eine erlösende Nachricht zu bringen. Sekunden, die sich wie zäher Kaugummi ziehen. Auf all den Stühlen, auf denen diese Menschen jetzt gerade sitzen, habe ich selbst schon gesessen. Ich gehe an ihnen vorbei und kann, ohne ein einziges Wort zu wechseln, ganz genau nachempfinden, mit welchem Gefühl, mit welcher zermürbenden Ohnmacht, lähmenden Angst oder verzweifelten Hoffnung sie da sitzen. Wir sprechen nicht miteinander, aber wir teilen dieselbe unsichtbare Sprache. Ihre Blicke sind mir so vertraut, weil es meine eigenen waren. Und dann gibt es inmitten all dieser lebensverändernden Schicksale diese fast schon absurde, surreale Beständigkeit: Die Cafeteria. Dort gibt es heute noch exakt das gleiche Essensangebot, die gleichen belegten Brötchen und den gleichen Kaffee wie schon vor vier Jahren. Als wäre die Zeit hier drinnen einfach komplett stehengeblieben, eingefroren in einer Blase aus Warten und Hoffen, während sich mein eigenes Leben in genau diesen Mauern so oft komplett überschlagen hat und in tausend Stücke zersprungen ist. Dann kommt dieser Moment auf der Kinderstation. Eine Schwester drückt mir Papiere in die Hand und fragt freundlich: *„Sie müssen jetzt noch zur Anästhesie-Aufklärung. Wissen Sie, wo das ist?“* Ich nicke nur stumm. Natürlich weiß ich das. Ich kenne hier jeden Gang, jede Abzweigung, jede noch so versteckte Station in diesem riesigen, sterilen Labyrinth auswendig. Ich brauche keine Schilder mehr zu lesen. Ein bitteres, müdes Lächeln huscht über mein Gesicht bei dem Gedanken, dass ich mich hier eigentlich als lebendiger Lageplan anstellen lassen könnte. Jeder Flur ist mir so vertraut wie die Straßen einer Heimatstadt, in der ich niemals leben wollte. Der härteste Kontrast an diesem Tag ist jedoch der Mann in der Radiologie. Seine Hände sind weiß, eiskalt, fast leblos. Er sitzt im Rollstuhl, allein gelassen in der Zugluft des Flures. Der Kopf ist nach vorn gekippt, das Kinn fest auf die schmale Brust gesunken. Er schläft. Sein Mund ist halb offen, und der Speichel läuft ihm langsam auf sein T-Shirt. Beim Vorbeigehen schießt mir eine Frage durch den Kopf, die mir beinahe die Luft abschnürt und so wehtut: Wann hat diese Gesellschaft eigentlich angefangen, einfach wegzusehen? Die Würde des Menschen ist unantastbar – aber warum fühlt sich in diesem Moment niemand, absolut niemand, für ihn verantwortlich? Warum ist da keiner, der auch nur eine Sekunde innehält, sich hinunterbeugt und ihm behutsam den Speichel vom Mund und vom T-Shirt wischt? Es zerreißt einem das Herz zu sehen, wie unsichtbar ein Mensch an dem Ort werden kann, der eigentlich zum Helfen da ist. Und nun bin ich wieder da. Dieses Mal „nur“ als Begleitung. Als ihr Sprachrohr, als ihre Stimme für Schutz und Wohlergehen. Am Mittwoch werde ich wieder in einem Aufwachraum sitzen, nur dieses Mal mit unserer Prinzessin. Es ist fast schon gruselig, wenn man sich jetzt schon haargenau vorstellen kann, wie diese Situation ablaufen wird. Wenn man vorher schon exakt weiß, wo welche Kabel liegen und welche Schläuche hängen werden, weil man dieses Bild schon viel zu oft gesehen hat. Und genau dazwischen, in diesem emotionalen Wechselbad, passiert dieser eine Moment auf dem Gang: Wenn dich die Schwestern aus dem interdisziplinären Brustzentrum im Vorbeigehen erkennen, stehen bleiben, dich spontan und fest in die Arme nehmen und leise sagen: „Schön, dass du vorbeischaust“… In diesem Augenblick zieht sich mein Herz noch einmal vollkommen zusammen. Es liegt eine so unglaubliche Wärme und tiefe, ehrliche Empathie in dieser Geste – ein kurzes, helles Licht in dieser sterilen Welt – und gleichzeitig ist es die bitterste Erkenntnis überhaupt. Denn genau dann weißt du ganz sicher: Du warst in deinem Leben schon viel öfter hier, als dir jemals lieb sein sollte. Du gehörst hier fast schon zum Inventar.

Manchmal ist die Vertrautheit, die man sich nie gewünscht hat, der ehrlichste und schmerzhafteste Spiegel der eigenen Geschichte.

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